Juli 23 2020

Rätsel um ÜbertragungswegCorona-Gefahr durch Atmen gering? Harvard-Forscher zerlegen Aerosol-Hypothese

Knapp 240 Experten aus aller Welt rufen die Gesundheitsbehörden dazu auf, die Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole offiziell anzuerkennen. Zwei Harvard-Forscher halten jetzt dagegen: Eine luftbasierte Übertragung ist laut ihnen eher unwahrscheinlich.

Wie wandert das Coronavirus (Sars-CoV-2), das die Lungenkrankheit Covid-19 verursacht, am effektivsten von Mensch zu Mensch weiter: Durch Tröpfchen, oder doch durch so genannte Aerosole? Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, welche Schutzmaßnahmen eine Ansteckung am besten unterbinden.

Zu Beginn der Pandemie dachten die Virologen, dass die Erreger in den großen Tröpfchen stecken, die Menschen beim Husten oder Niesen ausschleudern. Diese sind bis zu einem Millimeter groß und sinken schwerkraftbedingt in einem bis zwei Meter Entfernung zu Boden. Landen sie auf Oberflächen, können die Viren auch per Schmierinfektion übertragen werden, wenn jemand kontaminierte Gegenstände anfasst und sie durch Berühren von Mund, Nase oder Augen auf Schleimhäute übergehen.

Vor einigen Monaten gerieten jedoch die Aerosole in den Blickpunkt der Forscher. Diese winzigen Tröpfchen von weniger als fünf Mikrometer Durchmesser emittieren Menschen beim Atmen, sprechen und singen. Bei Infizierten fliegen die Viren mit dem feinen Feuchtigkeitsnebel durch die Luft und können sich – abhängig von der Raumbelüftung – über Stunden halten. Zudem zeigten Experimente, dass die Mischung aus Tröpfchen und Aerosolen, die beim Sprechen und Husten entsteht, bis zu acht Meter weit geschleudert werden kann.

Covid-19: Übertragung durch Aerosole gilt als weitgehend sicher

Seither wird in der Wissenschaft debattiert, ob die etablierten Maßnahmen – Husten und Niesen in die Armbeuge, oft Hände waschen, Tragen einer Maske und mindestens 1,5 Meter Abstand zu Anderen halten – als Schutz ausreichen. Zuletzt forderten knapp 240 Experten aus 32 Nationen in einem offenen Brief an die Gesundheitsbehörden sowie die Weltgesundheitsorganisation WHO, den Übertragungsweg durch Aerosole anzuerkennen und die Schutzempfehlungen entsprechend anzupassen.

Denn dann würden Alltagsmasken nicht mehr ausreichen, weil Aerosole sie durchdringen oder um sie herum fliegen können. Auch Plastikvisiere böten wegen der Lücke zwischen Schild und Gesicht ebenso wenig vollständigen Schutz wie der empfohlene Abstand.

Nun kommt eine Forschergruppe zu anderem Schluss

Jetzt kommt eine Forschergruppe um den Infektiologen Michael Klompas von der Harvard Medical School in einer Studie, die im „Journal of the American Medical Association“ erschien, zu einem anderen Schluss: Dass Sprechen und Husten Aerosole verursacht und dass man Sars-CoV-2 in Luftproben nachweisen konnte, sei noch kein Beweis dafür, dass Aerosole auch anstecken. „Trotz der diesbezüglich experimentellen Daten sind die Infektionsraten in der Bevölkerung und die Übertragung innerhalb von Gruppen im Alltag nur schwer mit einer aerosolbasierten Ansteckung über größere Distanzen zu vereinbaren“, schreiben die Autoren.

Als weiteres Argument führen Klompas und seine Kollegen die Reproduktionszahl von Sars-CoV-2 an, die angibt, wie viele weitere Menschen eine infizierte Person während der Pandemie ansteckt. Bevor Schutz­maßnahmen in Kraft traten, lag sie bei etwa 2,5. „Dies entspricht mehr der Grippe als Viren, die sich bekanntermaßen über die Luft verbreiten, wie etwa Masern mit einer Reproduktionszahl von 18“, heißt es in der Studie. „Entweder ist die für eine Infektion nötige Menge an Sars-CoV-2 viel größer als bei Masern, oder Aerosole sind nicht der dominante Übertragungsweg.“

Was gegen Aerosole als Hauptübertragungsweg von Sars-CoV-2 spricht

Auch die Ansteckungsraten von medizinischem Personal, das unwissentlich Covid-19-Patienten behandelte, seien niedrig, früheren Untersuchungen zufolge liege ihr Anteil bei unter drei Prozent, so die Forscher weiter. Zudem gehe das Virus in Fallserien mit engen Kontakten zwischen Erkrankten nur auf fünf Prozent der Kontaktpersonen über. Diese würden jedoch nicht in jeweils gleicher Weise infiziert, die Ansteckung hänge vielmehr von der Dauer und Intensität des Kontakts ab. Das größte Risiko besteht für Mitglieder eines Haushalt mit einer Übertragungsrate von zehn bis 40 Prozent.

Die Autoren nennen noch weitere Punkte, die gegen eine Aerosole als bevorzugten Übertragungsweg von Sars-CoV-2 sprechen: So produzieren Infizierte möglicherweise konstant Tröpfchen und Aerosole, aber die meisten dieser Ausscheidungen infizieren niemanden. Das spreche mehr für Sekrete, die schnell und innerhalb eines kleinen Radius um den Erkrankten zu Boden fallen, als für virusbeladene Aerosole, die stundenlang durch Luft wabern.

In ihrer Analyse gehen die Forscher auch auf das Hauptargument für eine aerosolbasierte Ansteckung ein: Die immer wieder geballt auftretenden Infektionen in Chören, Restaurants oder Großraumbüros. Gemessen an der Reproduktionszahl von Sars-CoV-2 seien diese Ereignisse eher die Ausnahme als die Regel.

Darauf weisen auch Experimente mit so genannten Phagen hin: Sie zeigen, dass sich solche Viren, die Bakterien befallen, von einer einzigen konta­minierten Türklinke aus innerhalb von sieben Stunden in einem ganzen Bürogebäude ausbreiten können. Viren müssten folglich keineswegs über die Luft übertragbar sein, um sich rasant zu verbreiten.

„Müssten Wirksamkeit verschiedener Atemschutzausrüstungen vergleichen“

Diese Vorbehalte seien natürlich spekulativ und schlössen die Übertragung über die Luft nicht aus, bekennen Klompas und seine Kollegen – insbesondere, wenn sich viele Menschen in schlecht belüfteten Räumen aufhielten. Dann könnten sich ansonsten nicht signifikante Mengen an virusbeladenen Aero­solen ansammeln und zu einer Ansteckung führen. Ihr Ansatz liefere aber eine alternative Erklärung für die beobachteten Häufungen von Infektionen, so die Autoren.

Sie nennen auch einen Test, der helfen könne, den wichtigsten Übertragungsweg von Sars-CoV-2 zu bestimmen: Man müsse dazu die Wirksamkeit verschiedener Atemschutzausrüstungen vergleichen. Würde es über­wiegend durch die Luft übertragen, müssten Einweg-Atemmasken vom Typ N95, die mindestens 95 Prozent aller Aerosole ausfiltern, besser schützen als einfache medizinische Masken. Zwar kam eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse tatsächlich zu diesem Schluss, doch sie weise starke methodische Mängel auf, kritisieren Klompas und Kollegen. Vier weitere Studien, die N95-Masken direkt mit medizinischen Masken verglichen, hätten keinen Unterschied gefunden.

1,5 Meter Abstand und hochwertige Mund-Nasen-Masken bester Schutz

Auch wenn die Übertragung von Sars-CoV-2 noch lange nicht vollständig verstanden sei und es keine perfekten experimentellen Daten gebe, die eindeutig für den einen oder anderen Übertragungsweg sprechen, so erweise sich die vorhandene Evidenz doch inkonsistent mit einer aerosolbasierten Übertragung, speziell in gut belüfteter Umgebung, resümieren Klompas und seine Kollegen. Praktisch heiße das, dass 1,5 Meter Abstand und das Tragen von hochwertigen Mund-Nasen-Masken ausreichen sollten, um die Verbreitung des Erregers zu minimieren.

Ein anekdotischer Bericht aus dem Ort Springfield im US-Staat Missouri stützt diese Sicht. Dort hatten zwei unwissentlich mit dem Erreger infizierte Friseure insgesamt 139 Kunden die Haare geschnitten, bevor sie von ihrer Infektion erfuhren. Sie arbeiteten dabei in einem ausgeklügelten System mit Masken, die sowohl die Haarkünstler als auch ihre Kunden trugen, und arrangierten ihre Stühle mit großen Abständen neu, zudem sollten gut getaktete Termine Kontakte zwischen Kunden minimieren.

Tatsächlich steckte sich kein Kunde an, wie das Springfield-Greene County Health Department verlautbarte. Die Behörde erlegte allen Betroffenen eine zweiwöchige Quarantäne auf und testete auch 67 von ihnen, mit jeweils negativem Ergebnis. Zwar seien unter den nicht getesteten Personen asymptomatische Fälle möglich, gleichwohl seien die „aufregende Nachrichten über den Wert von Masken, um eine Infektion mit Covid-19 zu vermeiden“, betont Behördenleiter Clay Goddard. „Das Ergebnis unterstützt das Tragen von Masken an öffentlichen Orten, besonders wie das Abstandhalten nicht möglich ist.“ So ließe sich die Ausbreitung der Pandemie bremsen.

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VeröffentlichtJuli 23, 2020 von admin in Kategorie "Corona-Pandemie", "Covid-19 Aktuell", "Gesundheit

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