Oktober 1 2020

Helmholtz-Expertin Lange im GesprächZweite Welle im Herbst: Epidemiologin nennt Punkt, an dem Pandemie kippt

Künftig gelten bei lokal steigenden Fallzahlen fixe Obergrenzen für Feiern und Veranstaltungen. FOCUS Online hat mit Epidemiologin Berit Lange über deren Notwendigkeit gesprochen – und gefragt, wie realistisch Merkels Corona-Rechnung mit täglich mehr als 19.000 Infektionen ist.

Der Bund-Länder-Gipfel hat das Corona-Korsett für stark betroffene Regionen wieder enger gezurrt. Bei mehr als 35 Neuinfektionen pro 100.00 Einwohner über einen Zeitraum von sieben Tagen sollen lokal künftig wieder feste Obergrenzen für Veranstaltungen und Zusammenkünfte gelten. Im öffentlichen Raum dürfen sich dann nur noch maximal 50 Menschen treffen, im Privaten 25. Steigt die Zahl der relevanten Neuinfektionen auf 50 pro 100.000 Einwohner, verringert sich die maximal erlaubte Zahl auf 25 bzw. 10.

Was diese Maßnahmen tatsächlich bringen und was es für Deutschland bedeuten würde, wenn sich Merkels Corona-Rechnung mit mehr als 19.000 Neuinfektionen täglich bewahrheitet, darüber hat FOCUS Online mit Berit Lange gesprochen. Sie ist Epidemiologin am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) und verantwortet dort den Bereich für Klinische Epidemiologie.

FOCUS Online: Frau Lange, sind die jetzt vereinbarten Obergrenzen für Partys und Veranstaltungen notwendig und richtig, um eine weitere Eskalation der Fallzahlen zu verhindern?

Berit Lange: Solche Einschränkungen machen in der aktuellen Lage Sinn. Vor allem deshalb, weil es nach RKI-Informationen ja wohl so ist, dass ein relevanter Anteil der Ausbrüche auf Familienfeste zurückzuführen ist.

Zu der Begrenzung der Personenanzahl ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ist zu sagen, dass es sogar sein kann, dass es lokal bei deutlich steigenden Infektionszahlen oder Kapazitätseinschränkungen im öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und klinischen Bereich auch zu noch strengeren Regeln kommen kann. Regional reagieren zu können, ist aber in jedem Fall sinnvoll. Und es ist auch wichtig, dass jetzt im Vorhinein, wo die Infektionszahlen in vielen Regionen noch geringer sind, klar kommuniziert wird, was bei steigenden Zahlen an Maßnahmen nötig werden kann.

Zur Person

Berit Lange ist Ärztin und Epidemiologin. Am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig leitet sie den Bereich Klinische Epidemiologie.

Kanzlerin Merkel betont darüber hinaus die immense Bedeutung des Lüftens – als Ergänzung zu den gelernten AHA-Regeln. Wie wichtig ist regelmäßiges Lüften für die Eindämmung der Pandemie?

Lange: Wir haben in den letzten Monaten gelernt, dass Ansteckungen besonders oft in Innenräumen – auch über Aerosole –  stattfinden. Gerade jetzt, wo wir in eine Zeit gehen, in der man vielleicht eher nicht so gerne lüftet, weil es draußen sehr kalt werden kann, sind Lüftungskonzepte und das Erinnern daran deshalb sehr wichtig.

Die dritte Kernbotschaft von Kanzlerin und Ministerpräsidenten: Schulen und Kitas sollen über den Winter möglichst offen bleiben. Wie realistisch ist das? Die Wissenschaft ist zwar zunehmend zu der Einschätzung gelangt, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Schulen zu Hotspots werden, gering ist. Trotzdem wird es bei hohen Infektionszahlen auch dort immer wieder Ausbrüche geben.

Lange: Ich habe die ganz große Hoffnung, dass das gelingt. Das halte ich auch für sehr wichtig. Zudem haben wir gelernt, dass das Infektionsrisiko von Kindern und mit großer Wahrscheinlichkeit auch ihr Übertragungsrisiko niedriger ist als das von Erwachsenen. Übrigens auch geringer, als man das zu Beginn der Pandemie angenommen hat. Die ursprüngliche Annahme, dass man von Schulen aus eine besonders große Ausbreitung auch in andere Bereiche der Gesellschaft sehen wird, hat sich bisher eher nicht bestätigt.

Das heißt natürlich nicht, dass wir in den Schulen und Kitas keine Fälle oder Ausbrüche haben werden. Es wird immer wieder Schulen geben – die gibt es ja bereits jetzt –, die von Ausbrüchen betroffen sind. Deswegen arbeiten ja viele Schulen bereits mit Konzepten, die versuchen sicherzustellen, dass in solchen Fällen nur wenige Klassen und nicht die ganze Schule zuhause bleiben müssen, und wir den normalen Schulbetrieb weiterführen können.

Sie sagen, wir müssen Maßnahmen regional anpassen – gehört dazu in den Schulen auch eine Maskenpflicht? Die wurde zuletzt ja massiv diskutiert. Die Meinungen dazu gehen stark auseinander.

Lange: Grundsätzlich wissen wir, dass das Tragen von Masken mit großer Wahrscheinlichkeit eine relevante Wirkung auf die Verbreitung des Virus hat. Gleichzeitig bedeuten sie eine relativ geringe Einschränkung für den Einzelnen. Ich finde, das muss man neben der Wirkung einer Maßnahme auch berücksichtigen. Deswegen bin ich eher für eine frühe Einführung von Masken, auch bei noch niedrigen Fallzahlen. Wenn Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen, sollten im Moment Masken getragen werden, wann immer es geht.

Ich verstehe aber auch, wenn manche Eltern und auch Lehrkräfte sagen, dass Kinder erst ab einem bestimmten Alter Masken tragen können bzw. dies in bestimmten pädagogischen Situationen nicht sinnvoll ist.

Aus epidemiologischer Sicht braucht es die Masken aber auch im Unterricht?

Lange: Man muss ja überlegen: In welchen Situationen in den Schulen kommen Menschen in geschlossenen Räumen zusammen? Das ist nun mal hauptsächlich im Unterricht der Fall und eigentlich nicht auf dem Weg zur Sporthalle auf dem Schulgelände.

Statt das Maske-Tragen zur Pflicht zu machen, würde ich aber eher dafür werben, dass es eben eine gute Maßnahme ist. Dies machen wir ja in anderen Bereichen der Öffentlichen Gesundheit auch, beim Händewaschen oder der Niesetikette zum Beispiel. Selbst wenn dann nur 60 statt 100 Prozent der Kinder eine Maske tragen, würde das etwas bringen. Wichtig ist aus meiner Sicht die Botschaft, dass je häufiger und je mehr Menschen in relevanten Situationen in Innenräumen Masken tragen, dies das Infektionsrisiko senkt. Natürlich sind auch gute Lüftungskonzepte in diesen Situationen wichtig.

Eine Eindämmung der Fallzahlen ist in jedem Fall angezeigt. Die Infektionszahlen sind so hoch wie seit Monaten nicht. Ist der Bereich, in dem wir uns gerade bewegen, gerade noch „okay“ oder sind wir schon im roten Bereich?

Lange: Wir sehen seit Wochen einen Anstieg der Zahlen, der zwar langsam ist, aber stetig. Das ist letztlich das, was wir in Richtung Herbst erwartet haben. Bisher beobachten wir den Anstieg vor allem bei den Infektionszahlen; die Zahl der hospitalisierten Patienten ist bisher nicht stark angestiegen, genauso wenig wie die Todesfälle oder der Anteil der Älteren, die sich anstecken. Die Sorge ist jetzt aber schon, dass genau das passieren wird.

Was ist der kritische Wert an Neuinfektionen, den wir unbedingt vermeiden müssen?

Lange: Es gibt aus meiner Sicht nicht den einen kritischen Wert, sondern wir müssen uns immer verschiedene Indikatoren wie Maße der absoluten Infektionszahlen, der Verbreitung und auch Maße der Kapazitäten im Gesundheitssystem und ÖGD ansehen. Ich kann Ihnen deswegen keine konkrete Zahl nennen.

Aber ein wichtiger erster Anhaltspunkt dafür, ab wann es wirklich kritisch wird, ist die Situation in den Gesundheitsämtern. Wenn die sagen: Wir schaffen es nicht mehr oder wir sind am Rande unserer Kapazitäten mit der Nachverfolgung, dann ist das schon ein Alarmzeichen.

Weil das natürlich die Sorge beinhaltet, dass es dann auch zu einem schnelleren Anstieg der Infektionen kommt, wenn Infektionsketten nicht mehr unterbrochen werden können. Und erste Berichte hierüber gibt es ja jetzt bereits, auch wenn uns gerade an dieser Stelle – also für die lokale Auslastung des öffentlichen Gesundheitsdienstes – ein ähnlich guter Indikator fehlt, wie wir ihn für die Auslastung der Krankenhäuser und Intensivstationen haben.

Frau Merkel hat vorgerechnet, dass wir uns, wenn die Fallzahlen weiter so steigen wie in den vergangenen drei Monaten, zu Weihnachten auf 19.200 Neuinfektionen täglich einstellen müssen. Ist das eine realistische Prognose?

Lange: Die Überlegungen, die Frau Merkel hier für noch mehrere Verdoppelungsschritte anstellt, sind grundsätzlich in der Größenordnung korrekt. Aber natürlich ist das hauptsächlich davon abhängig, ob das Maß der Verbreitung in der nächsten Zeit eher ab- oder zunimmt.

Es gibt hier auch von wissenschaftlicher Seite verschiedene Prognosemodelle, die den aktuellen Trend für die nächsten Wochen, meist 2 bis 6 Wochen, weiterdenken und Neuinfektionen und Bettenbelegungen für diese Zeit vorhersagen. Natürlich immer mit Unsicherheiten, die aus den eingehenden Daten sowie dadurch entstehen, dass sich Maßnahmen und individuelles Verhalten über diesen Zeitraum ja auch ändern. Dadurch können Modellierungen über so lange Zeit auch deutlich ober- oder unterhalb der tatsächlichen Zahlen liegen.

Wenn es denn so wäre, dass sich 19.000 Menschen pro Tag neu infizieren – was würde das für das Gesundheitssystem konkret bedeuten?

Lange: Wenn die Infektionszahlen so massiv steigen, denke ich schon, dass es mindestens bei der Nachverfolgung Probleme geben wird – zumindest bei den aktuellen Kapazitäten. Man hat ja schon personell aufgestockt, aber so schnell geht das dann auch nicht. Außerdem ist es bei so vielen Infektionen sehr wahrscheinlich, dass es auch wieder mehr schwere Verläufe geben wird – die dann in den Kliniken behandelt werden müssen und auch sterben können.

Würde unser bisher sehr gut funktionierendes und gut vorbereitetes Gesundheitssystem 19.000 neue Fälle pro Tag noch bewältigen können?

Lange: Das ist schwer zu sagen und auch davon abhängig, wie lange solche Neuinfektionszahlen pro Tag bestünden und welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre die Auslastung der Kliniken und Intensivbetten dann aber erheblich.

Donnerstag, 01.10.2020, 16:57


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VeröffentlichtOktober 1, 2020 von admin in Kategorie "Corona-Pandemie

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