November 21 2020

Covid-Simulator rechnet vor: Der Lockdown in Deutschland erreicht sein Ziel nicht

Wir befinden uns mitten im Lockdown light. Ziel ist es, die Inzidenz unter 50 zu drücken. Der Covid-Simulator der Universität Saarbrücken macht wenig Hoffnung, dass das angestrebte Niveau der Neuinfektionen noch erreicht wird. Mit aktuell 139 ist Deutschland davon weit entfernt.

„Der vor uns liegende Winter wird uns allen viel abverlangen“, hat Angela Merkel angekündigt. Vielen Experten war das längst klar. Jeder einzelne musste sich spätestens am 2. November, als der Lockdown light in Kraft trat, intensiv damit beschäftigen, welche Maßnahmen die Verbreitung des Coronavirus nun eindämmen sollen. Eine Verlängerung oder gar Verschärfung steht jetzt schon zur Debatte.

Erklärtes Ziel: Die 7-Tages-Inzidenz soll unter den Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sinken. Ist das innerhalb der ursprünglich angesetzten 4-Wochen-Frist noch zu schaffen? Die Zahlen sprechen aktuell dagegen:

Die 7-Tage-Inzidenz liegt deutschlandweit am Freitagmorgen bei 139,0. Im Vergleich zum Vortag (138,9) ist sie minimal gestiegen. Am Freitagmorgen überschreitet aber kein Bundesland mehr den Wert von 200 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Am höchsten ist die 7-Tage-Inzidenz laut Robert-Koch-Institut weiter in Berlin (199,9). Auch in Hessen (170,3), Sachsen (169,5), Bayern (168,4) und Nordrhein-Westfalen (166,5) sind die Werte deutlich höher als der bundesweite Schnitt.

Mehr relevante Zahlen für Deutschland finden Sie hier: Höchstwert bei Infektionen, 7-Tage-R steigt: Diese Zahlen müssen Sie heute kennen

„Lockdown light hat Infektionsgeschehen stabilisiert“

Um vorherzusagen, wie sich die Ausbreitung des Coronavirus entwickelt und damit die Inzidenzwerte, helfen mathematische Modelle. Intensiv damit beschäftigt hat sich Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes.

Zusammen mit Kollegen hat der Forscher einen Covid-Simulator entwickelt, der anhand eines mathematischen Modells das Infektionsgeschehen der nächsten Wochen im gesamten Bundesgebiet hochrechnet. Als Grundlage dafür dienen unter anderem die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI), der Gesundheitsämter sowie klinische Daten von mehr als 10.000 hospitalisierten Covid-19-Patienten aus mehr als 100 Kliniken in Deutschland.

Das Modell soll den weiteren Verlauf der Infektionen (inklusive Krankenhausbelegung, Intensivstationen, Beatmung, Todesraten) vorhersagen und verschiedene mögliche Szenarien (z.B. Aufhebung des Kontaktverbots) simulieren. Regelmäßig aktualisieren Lehr und seine Kollegen, wie sich die Prognose entwickelt – deutschlandweit, in den 16 Bundesländern und den 412 Kreisen.

Infektionsgeschehen

  • Durch den am 2.11.2020 in Kraft getretenen „Lockdown light“ hat sich das Infektionsgeschehen stabilisiert.
  • Bereits durch die bevorstehende Ankündigung des Lockdowns sank der R-Wert deutschlandweit am 27.10.2020 statistisch signifikant (p<0.0001) von 1,54 auf 1,18.
  • Ab dem 6.11.2020 kam es zu einer weiteren statistisch signifikanten (p<0.0001) Absenkung des bundesdeutschen R-Wertes von 1,18 auf 0,97. Diese zweistufige Absenkung sei bereits im ersten Lockdown beobachtet worden.
  • In den Bundesländern variiert der R-Wert zwischen 0,6 und 1,14, wobei in fünf Bundesländern der R-Wert über 1 liegt: Berlin 1,10, Rheinland-Pfalz 1,09, Sachsen 1,01, Sachsen-Anhalt 1,03, Thüringen 1,14.

Prognose des Infektionsgeschehens

  • Bei dem aktuellen bundesdeutschen R-Wert von 0,97 kommt es nur sehr langsam zu einer Abnahme der 7-Tagesinzidenz pro 100.000 Einwohnern und es wäre erst im Frühjahr 2021 mit einem 7-Tagesinzidenzwert <50 Fällen pro 100.000 Einwohnern zu rechnen.
Der Covid-Simulator zeigt: Setzt sich das Infektionsgeschehen mit dem aktuellen R-Wert fort, erreichen wir an Weihnachten eine 7-Tagesindzidenz von 118,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern.

covid-simulator.com Der Covid-Simulator zeigt: Setzt sich das Infektionsgeschehen mit dem aktuellen R-Wert fort, erreichen wir an Weihnachten eine 7-Tagesindzidenz von 118,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern.
  • Könnte der bundesdeutschen R-Wert sofort auf 0,8 abgesenkt werden, dann wäre mit einem 7-Tagesinzidenzwert <50 Fällen pro 100.000 Einwohnern an Weihnachten 2020 zu rechnen.
  • Sollte der bundesdeutschen R-Wert sofort leicht auf 1,1 ansteigen, dann wäre an Weihnachten mit einer 7-Tagesinzidenz pro 100.000 Einwohnern von mehr als 200 zu rechnen.

Krankenhausbelegung

  • Sollte das aktuelle Infektionsgeschehen in Deutschland anhalten, dann muss Anfang Dezember auf den Intensivstationen im Mittel mit Belegungen von knapp unter 5000 Betten deutschlandweit gerechnet werden. Aufgrund des mittleren R-Wertes, der auf knapp unter 1 geschätzt wird, würde sich eine hohe Belegung von mehr als 4000 Intensivbetten noch bis Mitte Januar 2021 erstrecken.
  • Selbst wenn sich der bundesdeutsche R-Wert sofort auf 0,8 absenken würde, hat dies nur einen geringen Effekt auf die momentan zu erwartenden Spitzenbelegungen der Intensivstationen im Dezember.
  • Sollte der bundesdeutsche R-Wert sofort leicht auf 1,1 ansteigen, dann muss Ende Dezember mit mehr als 6000 belegten Intensivbetten gerechnet werden.

Vorhersage für die nächsten acht Wochen

„Mit unseren Simulationen mussten wir leider feststellen, dass unabhängig davon, wie stark wir die weitere Ausbreitung von Sars-CoV-2 stoppen, Ende November etwa doppelt so viele Intensivbetten belegt sein werden wie zu Spitzenzeiten der ersten Welle“, lautete die ernüchternde Analyse des Forschers bereits eine Woche nach Beginn des Teil-Lockdown im Gespräch mit FOCUS Online.

Die aktuelle Simulation berechnet, wie sich das Infektionsgeschehen in den verschiedenen Bereichen auswirkt. Die unterschiedlichen Linien verdeutlichen die Situation unter der Annahme, dass sich der R-Schätzwert nicht ändern wird (0,97) und unter der Annahme verschiedener Szenarien ab dem 18.11.2020 mit R-Werten von 0,6, 0,8 und 1,1.

Die Graphen stellen die Modellvorhersage für die nächsten 8 Wochen für Deutschland dar.

covid-simulator.com Die Graphen stellen die Modellvorhersage für die nächsten 8 Wochen für Deutschland dar.

Das haben die Maßnahmen gebracht

Auch wenn das Ziel der 50 für die 7-Tages-Inzidenzen aktuell noch ein gutes Stück entfernt ist, zeigen die Maßnahmen Wirkung. Die Analysen zeigen: Nach bundesweiten Verschärfungen der Corona-Regeln lässt sich eine Reduktion des R-Werts bereits in der zweiten Oktoberhälfte und Anfang November erkennen. Das Infektionsgeschehen hat sich abgeschwächt.

  • Ab dem 26.10.2020: Reduktion von R um 26 Prozent von 1,56 auf 1,16
  • Ab dem 05.11.2020: Reduktion von R um 19 Prozent von 1,16 auf 0,934
Die Grafik zeigt den Einfluss von Nicht-Pharmazeutischer Interventionen (NPI) auf den R-Wert für Deutschland (rote Linie) im Vergleich mit den Bundesländern (graue Linien).

covid-simulator.com Die Grafik zeigt den Einfluss von Nicht-Pharmazeutischer Interventionen (NPI) auf den R-Wert für Deutschland (rote Linie) im Vergleich mit den Bundesländern (graue Linien).

„Das Problem momentan ist, dass 75 Prozent der Infektionen nicht nachweisbar sind. Nachweisbar im Sinne von, wir wissen nicht, wo sie stattfinden. Das ist natürlich ein großes Problem, wenn wir jetzt auf Maßnahmensuche gehen“, erläutert Lehr im „Welt“-Interview. Der Pharmazie-Professor kommt allerdings zu dem Schluss: „Es würde Sinn ergeben, uns weiter zu beschränken, damit wir die Inzidenzlage wieder in den Griff bekommen.“



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VeröffentlichtNovember 21, 2020 von admin in Kategorie "Corona-Pandemie", "Covid-19 Aktuell

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