Lockdown bis Ostern? Epidemiologe erklärt, warum Corona-Zahlen nicht sinken

20. Dezember 2020 Aus Von mvp-web
Seit sieben Wochen ist Deutschland im Lockdown, zunächst in der Light-Version, jetzt total. Die angestrebten moderaten Infektionszahlen bleiben aber in weiter Ferne. Epidemiologe Ralf Reintjes sieht dafür vor allem einen Grund.

Sieht man sich die Corona-Infektionszahlen in Deutschland an, passiert seit Wochen eher wenig: Das exponentielle Wachstum ist zwar gestoppt, runter gehen die Zahlen aber nicht wirklich. Ein Plateau oberhalb der 20.000-Neuinfizierten-Marke hat sich gebildet. Der Lockdown-Light ist gescheitert.

Entsprechend haben Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder am vergangenen Wochenende nachgeschärft: Seit Mittwoch sind nicht nur Restaurants, Fitnessstudios und Theater dicht, sondern auch Schulen, Kitas und der Einzelhandel. Bis mindestens 10. Januar soll der erneute Totallockdown gelten. Die Hoffnung für danach: deutlich weniger Ansteckungen und das Zurückerlangen der Kontrolle über die Pandemie.

Weltärzte-Chef: „Wird Verlängerung des Lockdowns über den 10. Januar hinaus geben“

Dass das innerhalb von drei Wochen gelingen wird, bezweifeln Epidemiologen allerdings schon jetzt. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, prognostiziert harte Lockdown-Maßnahmen gar bis Ostern. „Auch wenn die Impfungen jetzt früher beginnen als erwartet, wird der Effekt nur allmählich zu einer Verbesserung der Lage beitragen“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Das angestrebte Niveau von 50 Neuinfektionen oder weniger pro 100.000 Einwohner werde Modellrechnungen nach bundesweit frühestens ab Ende Januar erreicht. Die Bürger müssten sich daher auf eine Fortsetzung der strengen Regeln einstellen, ist sich Montgomery sicher. „Es wird eine Verlängerung des Lockdowns über den 10. Januar hinaus geben“, prognostiziert er.

Epidemiologe Ralf Reintjes bewertet die Situation im Gespräch mit FOCUS Online ähnlich. Festlegen auf explizite Daten wie Ostern möchte er sich zwar nicht; zu unsicher seien Prognosemodelle inzwischen. „Aber ich rechne nicht damit, dass wir in drei bis vier Wochen schon einen deutlichen Rückgang der Zahlen sehen werden – zumal wir die Spitze ja sehr wahrscheinlich noch gar nicht erreicht haben. Und gerade wenn es jetzt noch Lockerungen über die Weihnachtstage gibt, bin ich sehr skeptisch, ob die Zahlen im Januar überhaupt stark sinken werden.“

Das Risiko einem Infizierten zu begegnen, ist heute deutlich höher als im ersten Lockdown

Dafür elementar sei die Reduktion der Kontakte eines jeden Einzelnen – und das in einem noch stärkeren Maße als es während des ersten Lockdowns im Frühjahr bereits notwendig gewesen sei, sagt der Epidemiologe. Denn: Im März oder April waren im Vergleich zu heute deutlich weniger Menschen infiziert und infektiös. Meldete das RKI im Frühjahr in der Spitze 6000 Neuinfizierte in 24 Stunden, sind es heute regelmäßig mehr als 25.000. „Die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Kontakte infiziert ist, war im ersten Lockdown eher gering. Wenn mittlerweile fünf oder zehnmal so viele – je nachdem, wie hoch man die Dunkelziffer annimmt – Infizierte draußen rumlaufen, dann ist das Risiko heute um ein Vielfaches höher und es braucht nur ganz wenige Kontakte, um einer infizierten Person zu begegnen.“


Zur Person

Ralf Reintjes ist Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung an der Hamburg Universität für Angewandte Wissenschaften. Seine Schwerpunkte liegen in der Untersuchung von Infektionskrankheiten, Expertise in Surveillance und Pandemic Preparedness auf nationaler Ebene sowie international (vorallem Europa, Asien und Afrika).


Epidemiologe: Von Lockerungen „sind wir ganz weit weg“

Statt sich noch konsequenter an die Kontaktbeschränkungen zu halten, beobachte er jedoch eher das Gegenteil. Viele seien inzwischen argloser im Umgang mit dem Virus geworden, eine gewisse Corona-Müdigkeit habe sich eingestellt. Die Angst vor einer Ansteckung ist dem Überdruss des ständigen Verzichts gewichen.

Von möglichen Lockerungen will der Epidemiologe daher nichts wissen. „Davon sind wir ganz weit weg.“ Die Zielmarke von 50 neuen Infektionen pro 100.000 Einwohner im 7-Tages-Schnitt nennt er dabei aus epidemiologischer Sicht das Mindestziel. Besser noch: 20 oder 25. Nur dann sei die Kontaktverfolgung und wirksame Unterbrechung von Infektionsketten dauerhaft möglich, so der Professor für Epidemiologie, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg lehrt und forscht.

„Solange Sie Inzidenzen unterhalb von 50 haben, lässt sich das in der Regel über längere Zeit recht gut managen. Rutscht man darüber, schnellen die Zahlen oft in sehr kurzer Zeit nach oben“, erklärt er. „Das hat man in den letzten Wochen erst am Beispiel Mecklenburg-Vorpommern gut beobachten können. Dort waren die Zahlen lange niedrig, jetzt geht es auch dort stark in die Höhe.“

Hoffnung macht auch dem Epidemiologen die sehr wahrscheinlich in den kommenden Tagen anstehende Zulassung des ersten Corona-Impfstoffs in Deutschland. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat eine Entscheidung über den Kandidaten des deutsch-amerikanischen Tandems Biontech/Pfizer für kommende Woche angekündigt.

Die Pandemie würde Deutschland und die Welt zwar auch danach noch mindestens einige Monate begleiten. „Und auch im kommenden Winter wird niemand Corona vergessen haben“, sagt Reintjes. Auch dann werde es weitere Fälle geben. „Aber ich bin optimistisch, dass das im kommenden Jahr ein ganz anderer Winter wird als dieser. Nur dafür müssen wir jetzt auch unsere Hausaufgaben machen.“ Nämlich: den Impfprozess auf die Reihe bekommen und vor allem in den kommenden Wochen unsere Kontakte auf das absolute Minimum zurückschrauben.