Herz, Nieren, Lunge, Nervensystem – Autopsien belegen Aggressivität: Corona ist ein Frontalangriff auf unseren Körper

23. Mai 2020 Aus Von mvp-web

Als sich das Coronavirus Anfang des Jahres von China in die Welt ausbreitete, sprachen Mediziner von einer mysteriösen Lungenkrankheit. Inzwischen ist über Sars-CoV-2 deutlich mehr bekannt – auch, dass es nicht nur die Lunge befallen kann.

Welche Organe Corona wie schädigen kann. Ein Überblick.

„Das neuartige Coronavirus ist kein reines Atemwegsvirus“, konstatieren Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer neuen Mitteilung. Zuvor hatten sie die Körper von 27 an Covid-19 verstorbenen Patienten untersucht – und Corona-Erreger in deren Lungen, Rachen, Herzen und Lebern sowie im Gehirn und in den Nieren der Toten nachgewiesen, wie sie jetzt in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ schreiben.

„Sars-CoV-2 ist ein Multiorganvirus“

„Sars-CoV-2 ist ein ‚Multiorganvirus‘, das zahlreiche Organe betrifft“, kommentiert Studienleiter Tobias B. Huber, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie und Direktor der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik am UKE die Ergebnisse der Autopsien. Darin sehen die Mediziner einen möglichen Erklärungsansatz für das mitunter breite Symptomspektrum, das sich bei Covid-19-Infektionen zeigt.

Lunge

Akut kann Sars-CoV-2 zu schweren Atemwegssymptomen und zu einer Entzündung des Lungengewebes führen. Ob diese langfristige Schäden an den Lungenflügeln hinterlassen und sie in ihrer Funktion einschränken können, vermögen Mediziner bisher nicht seriös zu sagen.

Die Wahrscheinlichkeit für Spätfolgen sei bei Patienten, die schwer erkrankt waren und lange künstlich beatmet werden mussten, allerdings ungleich höher als bei Erkrankten mit nur milden Corona-Symptomen, wie Klaus F. Rabe, Chefarzt an der Lungenklinik Großhansdorf und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) bei FOCUS Online sagte.

„In diesem Fall sind starke Veränderungen der Lungenstruktur im Gegensatz zu nur leicht Erkrankten sogar sehr wahrscheinlich.“ Störungen des Gasaustauschs, eine schlechte Sauerstoffsättigung und eine geringere Belastbarkeit der Lunge könnten dann die Folge sein. Um aussagekräftige Prognosen darüber zu treffen, ist es bislang allerdings zu früh.

Nieren

Die Nieren sind den Ergebnissen der Hamburger Uniklinik zufolge bei Corona-Erkrankten nach der Lunge das am zweithäufigsten betroffene Organ. „Nicht selten bis hin zum totalen Organausfall“, wie der Leiter der Studie, Tobias B. Huber, ausführt.

Die Konzentration von Sars-CoV-2-Erregern war abgesehen von der Lunge in den Nieren der verstorbenen Covid-19-Patienten am höchsten. Dies sei die wahrscheinliche Erklärung dafür, dass sehr viele der Corona-Patienten Auffälligkeiten im Urin aufweisen, ergänzt er. „Zudem könnte dies die extrem hohe Rate von bis zu 50 Prozent an akuten Nierenversagen bei Covid-19-Infektionen erklären.“

Als Konsequenz aus diesen Ergebnissen empfehlen die Mediziner Urinkontrollen bei einer Covid-19-Infektion nun bereits zu Beginn der Erkrankung als Routine-Check. In weiteren Studien will die Klinik gemeinsam mit anderen deutschen Einrichtungen herausfinden, ob Urinveränderungen sogar als Frühwarnsystem für schwere Covid-19-Verläufe dienen könnten.

Herz und Gefäße

Auch das Herz kann Sars-CoV-2 schädigen – das zumindest legen erste Beobachtungen aus China und den USA nahe. Allerdings ist der Zusammenhang bisher kaum untersucht. Kardiologe Michael Böhm geht im FOCUS-Online-Interview jedoch ebenfalls davon aus, dass eine Covid-19-Infektion das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko erhöhen kann.

Es erscheine „wahrscheinlich – auch, weil bisher unentdeckte Ablagerungen, sogenannte Plaques, durch die Entzündungsreaktion des Körpers instabil werden und Komplikationen wie einen Herzinfarkt auslösen könnten“.

Wie häufig Komplikationen in Bezug auf das Herz aber auftreten und ob das Virus dem Organ tatsächlich direkt schaden kann oder eher als Begleiterscheinung der heftigen Gesamtsymptomatik zu sehen ist, ist bis dato unklar, wie der Professor für Kardiologie betont. Die Fallzahlen bisheriger Beobachtungsstudien sind eher gering.

Haut

Auch auf der Haut kann sich eine Infektion mit dem Coronavirus offenbar manifestieren, wie spanische Wissenschaftler berichten. Ein Team von Hautärzten hat in Madrid und Barcelona insgesamt 375 Covid-19-Patienten auf auffällige Hautveränderungen hin untersucht. Fast jeder Fünfte von ihnen zeigte demnach rötlich bis violett verfärbte Schwellungen, teils mit Pusteln und Bläschen.

Andere Patienten wiesen Quaddeln oder Schuppungen auf, heißt es im „British Journal of Dermatology“ weiter, wo die Ärzte ihre Ergebnisse veröffentlicht haben.

Welcher Mechanismus hinter der veränderten Haut steckt, ist aus heutiger Sicht unklar. Wissenschaftler spekulieren jedoch, dass sie mit der möglicherweise veränderten Gerinnung des Bluts durch das Coronavirus zusammenhängen könnten.

Gehirn und Nervensystem

Zuletzt mehrten sich Studien über mögliche neurologische Komplikationen in Folge einer Infektion mit Sars-CoV-2. Wie Forscherteams aus Straßburg und Wuhan etwa berichten, komme es auffällig häufig zu Schlaganfällen bei schwererkrankten Covid-19-Patienten. Überhaupt zeigten 36,4 Prozent ihrer untersuchten Corona-Probanden „neurologische Symptome unterschiedlicher Art“, schreibt Ling Mao vom Unionsklinikum in Wuhan; darunter Schwindel, Kopfschmerzen, epileptische Anfälle.

Focus Online: Mittwoch, 20.05.2020, 11:22