Juni 4 2020

Hans Lehrach im Gespräch Genomforscher: „Können Coronavirus auch ohne Impfstoff in wenigen Wochen eliminieren“

Um den R-Wert von Sars-CoV-2 auf Null zu senken ist Genomforscher Hans Lehrach zufolge kein Impfstoff notwendig. Er hat stattdessen eine andere Strategie entwickelt, das Virus zu stoppen – indem pro Tag Millionen Menschen getestet werden.

Wie das funktionieren kann, erklärt er im Gespräch mit FOCUS Online.

131 Forschungsprojekte, über 40 beteiligte Länder. Nie zuvor lief die Entwicklung eines Impfstoffes so auf Hochtouren wie im Kampf gegen das Coronavirus. Denn in diesem Stoff liegt die große Hoffnung, die Verbreitung des Erregers einzudämmen und endlich zurück zur Normalität zu kehren.

Prozesse, die früher zeitlich versetzt stattfanden, laufen nun parallel. Was früher zehn bis 20 Jahre dauerte, soll nun innerhalb eines Jahres erreicht werden. Wann der Impfstoff tatsächlich verfügbar sein wird, wann wir uns impfen lassen können, das ist bis jetzt jedoch nicht klar.

Genomforscher Hans Lehrach verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Er sagt: Wir können die Corona-Pandemie auch ohne Impfstoff stoppen – und das schon binnen weniger Wochen.

Über den Experten

Hans Lehrach ist Spezialist für Gen-Sequenzierungen, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin und Gründer von Alacris Theranostics, das Patente für die Nutzung der Sequenzierung in der Covid-19-Pandemie angemeldet hat. Gemeinsam mit dem Gentechniker George Church von der Harvard Medical School setzt er sich für eine Verstärkung der Genomforschung ein.

FOCUS Online: Herr Lehrach, Sie haben eine Strategie entwickelt, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Ein Impfstoff spielt dabei keine Rolle – wie sieht Ihre Methode stattdessen aus?

Hans Lehrach: Nun, in der Theorie ist es eigentlich ganz einfach: Wir müssen den Infektionszyklus systematisch unterbrechen. In Deutschland leben rund 80 Millionen Menschen, im europäischen Schengenraum rund 400 Millionen. Würde man all diese Menschen in einem abgeschlossenen Raum, also den Landes- oder Schengengrenzen gleichzeitig testen, hätte man ein klares Bild über das Infektionsgeschehen.

Infizierte müssten dann für mindestens 14 Tage in Quarantäne bleiben, so lange, bis sie nicht mehr ansteckend sind. Binnen kürzester Zeit würde die Reproduktionszahl auf Null sinken. Damit hätten wir das Virus innerhalb von vier bis fünf Wochen eliminiert.

FOCUS Online: Wie genau ließe sich diese Strategie umsetzen?

Lehrach: Mein Vorschlag wäre, den Menschen Kits mit mehreren Röhrchen zuzuschicken, mit denen sie selbst mehrfache Tests durchführen können. Beispielsweise einmal pro Woche, über fünf Wochen hinweg. Die Person gibt etwas Speichel in eines der Teströhrchen und bringt es zu einer Sammelstelle, zum Beispiel in die Apotheke.

Die Röhrchen werden dann gesammelt an ein Testzentrum geschickt, von Automaten weiter verarbeitet und mithilfe bestimmter Techniken analysiert.

Lehrach: Unsere Strategie sieht vor, sich die Technologie der DNA-Sequenzierung zunutze zu machen, also die Bestimmung der Bestandteile, aus denen das Erbgut besteht. Der Vorgang läuft wie folgt ab: Zunächst werden den Menschen Probenröhrchen zur Verfügung gestellt, die mithilfe eines Barcodes gekennzeichnet sind.

Diese Röhrchen sind durch einen Barcode eindeutig identifiziert. Sie enthalten aber auch einen molekularen Barcode: eine kurze DNA-Sequenz, die das Teströhrchen der Person, die den Test durchgeführt hat, eindeutig zuordnet. Die Information der Person wird dann mit der DNA-Sequenz, die das Testresultat darstellt, verknüpft.

Es ist daher nur ein kleiner Teil des Tests, der tatsächlich an der Probe selbst durchgeführt werden muss. Im Falle von Deutschland, rund 80 Millionen Proben. Dieser Prozess müsste automatisiert werden. Daraufhin können wir alle Proben zusammenschütten, mithilfe von hochleistungsstarken Maschinen verarbeiten und analysieren. Das ist sehr schnell möglich, in einem einzigen Sequenzierlauf, der vielleicht einen Tag dauert, könnten wir die gesamte europäische Bevölkerung durchtesten.

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FOCUS Online: Und dann ermitteln Sie, ob eine Person sich mit Sars-CoV-2 infiziert hat?

Lehrach: Genau, wir untersuchen, ob und wie viele Virusgenome sich in der Speichelprobe befinden – also, wie konzentriert der Erreger im menschlichen Körper ist.

Wir könnten in den gleichen Proben aber auch weitere gesundheitliche Informationen ermitteln, wir können die Probe auf andere Viren testen, oder bestimmte molekulare Eigenschaften der getesteten Person ermitteln, die für die Behandlung wichtig sein könnten.

FOCUS Online: Wenn es eigentlich so einfach ist – warum verfolgen wir diese Strategie nicht längst?

Lehrach: Nun, anfangs bestehen hier natürlich sehr große, logistische Probleme. Es gibt organisatorische und technischen Hürden, es müssen Kapazitäten geschaffen werden, um täglich Millionen von Tests durchzuführen. Aber letztendlich gibt und gab es schon solche Hürden. Die gab es auch dabei, einen Menschen auf den Mond zu schicken und wieder zurückzuholen – und dennoch haben wir sie gemeistert. Dann werden wir das auch schaffen.

FOCUS Online: Um diese Kapazitäten zu schaffen, ist vor allem Geld notwendig…

Lehrach: Das ist richtig, für diese Tests müsste viel Geld in die Hand genommen werden. Vergleicht man diese Summe jedoch mit den finanziellen Mitteln, welche für Kurzarbeit ausgegeben werden, für die Rettung von Firmen – dann ist sie sehr gering.

Ein Test kostet pro Person wahrscheinlich nur wenige Euro. Egal, ob zwei oder fünf Euro – es ist immer noch günstiger, als monatelang einen Lockdown zu finanzieren. Wenn 500 Millionen Europäer monatelang daheim sitzen, dann kostet das sehr viel mehr Geld, als sie alle zu testen.

FOCUS Online: Andere haben vielleicht andere Einwände, wollen zum Beispiel nicht getestet werden.

Lehrach: Es gibt Menschen, die einen Test als Eingriff in ihre Persönlichkeit sehen. Aber in der Praxis wüssten nur die Gesundheitsämter, welche Person sich hinter einem Test verbirgt. Die Information, die daraus genommen wird, ob ein Mensch infiziert ist oder nicht, ist nach wenigen Wochen ohnehin hinfällig.

Nach der Quarantäne ist die Person nicht mehr krank, nicht mehr ansteckend – und diese Information irrelevant. Somit sollten die Menschen das nicht als Eingriff in ihre persönlichen Rechte betrachten.

FOCUS Online: Angenommen, es gibt die technische Infrastruktur, man führt diese Tests durch, stellt jeden Infizierten unter Quarantäne. Was würde mit dem Virus passieren?

Lehrach: Wären die logistischen Probleme gelöst, dann könnten wir das Virus beseitigen – oder es zumindest auf eine wirklich triviale Anzahl von Fällen reduzieren. Wir können den R-Faktor innerhalb einer einzigen Periode Richtung Null senken – in einem Zeitraum von wenigen Wochen.

FOCUS Online: Damit würde diese Methode einem Impfstoff Monate zuvorkommen.

Lehrach: Wenn nicht sogar Jahre. Einen Impfstoff zu entwickeln, der bei der gesamten Weltbevölkerung angewendet werden soll, der für jeden sicher ist – das dauert seine Zeit. Außerdem: das ist sicher nicht die letzte Pandemie. Vielleicht kommt die nächste schon im nächsten Jahr. Vielleicht ist das nächste Virus viel gefährlicher.

Dann wird uns ein Sars-CoV-2-Impfstoff nicht helfen. Dann brauchen wir Infrastruktur und Technologie, um es einzudämmen. Um es unter Kontrolle zu bringen, bevor es die ganze Welt bedroht. Denn der populationsweite Testansatz, den wir für Covid-19 vorschlagen, kann in sehr kurzer Zeit an andere, neue Viren angepasst werden. Diese technischen Herausforderungen müssen wir frühzeitig meistern – und ich glaube, dafür gibt es schon jetzt ein paar gute Ideen.

Donnerstag, 04.06.2020, 13:10


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VeröffentlichtJuni 4, 2020 von admin in Kategorie "Covid-19 Aktuell", "Gesundheit", "Impfstoff

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