Juli 3 2020

Störtebekerfestspiele kämpfen ums Überleben

Die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek auf Rügen (Landkreis Vorpommern-Rügen) müssen aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen für die Kulturbranche in diesem Jahr an ihre eisernen Reserven.

Normalerweise würde Anna Theresa Hick, Geschäftsführerin der Störtebeker Festspiele, jetzt den Mythos der alten Vitalienbrüder aufleben lassen. Doch in diesem Jahr bleiben die blauen über 8.000 Sitzschalen leer, Stille liegt über dem Areal. Denn voraussichtlich bis Oktober darf hier kein Störtebeker mehr für Gerechtigkeit kämpfen.

„Ein finanzieller Totalausfall“

Für die Kulturbranche gelten nach wie vor Beschränkungen und Verbote, die für viele Beschäftigte in diesem Bereich nahezu ein Berufsverbot darstellen. Für die Naturbühne Ralswiek wird die Absage der Störtebeker Festspiele wirtschaftlich bedrohlich. Die neue Kulisse ist nahezu fertiggestellt – aufwendig mit eigens angefertigtem Graben, einer Klappbrücke und einem wie eine Schublade ausfahrbaren Haus gestaltet. Das Buch und Regie sind komplett vorbereitet. Aber proben konnte das Ensemble schon nicht mehr. „Es ist ein finanzieller Totalausfall“, so Hick. Alle Ausgaben seien getätigt, man sei bereit für die Produktion, so Hick weiter. Sie blickt mit Sorge in die Zukunft der Festspiele. „Wir gehen jetzt an unsere Rücklagen“, so Hick, aber die Frage sei, wie lange diese halten.

Ein Ensemble in Kurzarbeit

Die Corona-Soforthilfen seien angesichts der Herausforderungen ein Tropfen auf den heißen Stein. Für den Theaterbetrieb habe Hick auch noch keine Hilfen bekommen. Rund 450 Mitarbeiter beschäftigen die Festspiele während der Saison. Jetzt ist, bis auf einige Haustechniker, niemand mehr da. Viele Saisonkräfte mussten sich andere Jobs suchen. Die gebuchten Schauspieler bekommen wie die anderen Festangestellten Kurzarbeitergeld. Regisseur Marco Bahr bekommt dagegen nichts. Er ist einer von denen, die hier auf Honorarbasis arbeiten. Jetzt bekommt er nicht einmal Soforthilfe. Wie alle in Ralswiek hofft er nun auf das nächste Jahr. Störtis Kulissen sind jedenfalls winterfest.

Störtebeker: „Gottes Freund, der Welt Feind“

In Stein gemeißelt steht der Wahlspruch der Piraten auf dem Sockel des Störtebeker-Denkmals auf dem Hamburger Grasbrook: „Gottes Freund, der Welt Feind“. Auf der ehemals unbewohnten Elbinsel – heute Standort der Hafencity – ließen die Bürgermeister der Hansestadt über Jahrhunderte hinweg Piraten hinrichten. Der Tod war die übliche Strafe für Überfälle auf Handelsschiffe der wohlhabenden Hamburger Kaufleute, der sogenannten Pfeffersäcke. Zur Abschreckung für vorbeifahrende Seeleute spießten die Henker die abgeschlagenen Schädel der Delinquenten mit langen Nägeln auf ein Holzgestell.

Hinrichtung von Störtebeker: Zwölf Meter ohne Kopf

Der Legende nach soll auch der sagenumwobene norddeutsche Freibeuter Klaus Störtebeker, der auf Nord- und Ostsee sein Unwesen trieb, dort sein Ende gefunden haben. Es dürfte vor mehr als 600 Jahren, wohl am 20. Oktober anno 1401, gewesen sein, als er zusammen mit mehr als 70 seiner Kumpanen auf diesem Richtplatz geköpft wurde. Wie alt Störtebeker war, als er starb, ist unklar, seine Biografie lückenhaft. Eine hanseatische Armada um das Flaggschiff „Bunte Kuh“, die der aus den Niederlanden stammende Hamburger Kaufmann Simon von Utrecht ausgerüstet hatte, soll die Piraten in einer Seeschlacht vor Helgoland gestellt haben.

Holzschnitt aus dem Hamburger Staatsarchiv: Enthauptung von Piraten auf dem Hamburger Grasbrook © Hamburger Staatsarchiv

Ein alter Holzschnitt zeigt die Enthauptung von Piraten auf dem Hamburger Grasbrook – einst eine übliche Strafe für die Freibeuter.

Vor seiner Hinrichtung hatte Störtebeker der Legende nach mit dem damaligen Hamburger Bürgermeister Kersten Miles einen Handel geschlossen: Der Henker sollte diejenigen aus einem Spalier der Piraten verschonen, an denen der Enthauptete noch vorbeilaufen konnte. Buchstäblich kopflos sei Störtebeker noch an elf Männern vorbeimarschiert, bis er tot zusammenbrach. Ihr Leben konnte er angeblich trotzdem nicht retten, weil Miles sein Wort nicht hielt. Ob sich die Geschichte so zugetragen hat? Die moderne Gerichtsmedizin jedenfalls hält sie für physiologisch unmöglich.

Auch ob ein 1878 auf dem Grasbrook gefundener Totenschädel, der mit einem eisernen Nagel durchstoßen wurde und im Museum für Hamburgische Geschichte ausgestellt ist, zu den sterblichen Überresten Störtebekers gehört, konnten kanadische DNA-Experten nicht klären. Die Knochen waren zu alt, um genetisches Material zu isolieren, das die Wissenschaftler mit noch lebenden Namensvettern hätten vergleichen können.

Nach Angaben des Hamburger Museums ist es jedoch wahrscheinlich, dass es sich bei dem Schädel des zwischen 1390 und 1450 Hingerichteten um den eines der Hauptmänner der Vitalienbrüder handelt, zu denen auch Störtebeker gehörte. Darauf weise die Tatsache hin, dass das Loch für den Nagel mit äußerster Sorgfalt vorgebohrt wurde, um die Haltbarkeit des abgeschlagenen Hauptes zu erhöhen.

Stichwort Freibeuter

Im Unterschied zu Piraten waren Freibeuter mit Zustimmung oder im Auftrag von Regierungen oder Privatpersonen unterwegs. Diese stellten den Seefahrern ein Dokument, den Kaperbrief, aus. Damit war den Freibeutern der Schutz der Flotte ihres Landes sicher. Im Gegenzug mussten sie Teile ihrer Beute abliefern. Viele Freibeuter akzeptierten jedoch nicht, wenn ihnen der Kaperbrief entzogen werden sollte – und setzten ihre Raubzüge als Piraten fort.

Störtebeker: Trinkgewohnheiten als Namensgeber?

Porträts des Ritters Kunz von der Rosen (historischer Stich aus dem Hamburger Staatsarchiv). © Hamburger Staatsarchiv

Diese Radierung des Künstlers Daniel Hopfer wird oft als Porträt Störtebekers bezeichnet. Es zeigt aber den Ritter Kunz von der Rosen.

Auch woher Störtebeker stammt, wann er geboren wurde und wie er zu seinem Namen gekommen ist, der aus dem Plattdeutschen übersetzt „Stürz den Becher“ heißt, ist unklar. Wurde der Freibeuter so genannt, weil er – wie überliefert – einen damals üblichen Krug mit vier Litern Bier oder Wein in einem Zug austrinken konnte? Möglich ist es, beweisbar ist diese These jedoch nicht.

Eine Erwähnung in Urkunden der Stadt Wismar spricht dafür, dass Störtebeker aus der Hansestadt an der Mecklenburger Bucht stammen könnte: Im Jahr 1380 wurde ein gewisser „Nicolao Stortebeker“ bei einer Prügelei verletzt, seine Widersacher der Stadt verwiesen. Andere Quellen deuten darauf hin, dass Störtebeker aus Danzig stammte und kein Pirat, sondern ein Kaufmann war, der bis etwa 1413 gelebt hat.

War Klaus Störtebeker ein Danziger Kaufmann?

Klaus Störtebeker wird nach seiner Gefangennahme in Hamburg an Land gebracht. © Hamburger Staatsarchiv

Nach der Seeschlacht bei Helgoland soll Störtebeker gefangen genommen und in Hamburg an Land gebracht worden sein.

Dass es Störtebeker und Kapitän Gödeke Michels tatsächlich gegeben hat, ist wahrscheinlich. In britischen Chroniken, die Piratenüberfälle auf englische Handelsschiffe dokumentieren, tauchen ihre Namen in den Jahren von 1394 bis 1399 immer wieder auf. Experten halten Michels für den eigentlichen Anführer der Vitalienbrüder. Diese Seefahrer hatten Ende des 14. Jahrhunderts eine Blockade Stockholms durch dänische Truppen beendet und später in Nord- und Ostsee Schiffe überfallen.

Ein Pirat als Volksheld

Als Pirat Störtebeker verkeidet verteilt ein Schauspieler in Verden Heringe und Schwarzbrot an Passanten © Picture-Alliance / dpa Foto: Carmen Jaspersen

Als Störtebeker verkleidet verteilt ein Schauspieler in Verden Heringe und Schwarzbrot an Passanten.

Noch heute wird der Pirat Störtebeker als „Robin Hood“ der Armen glorifiziert. Hartnäckig hält sich die Legende, der Vitalienbruder habe mit einem Teil seiner Beute Arme und Bedürftige unterstützt. Jährlich feiert beispielsweise das niedersächsische Verden die sogenannte Lätare-Spende, bei der genau drei Wochen vor Ostern auf dem Rathausplatz Heringe und Schwarzbrot verteilt werden. Der Überlieferung zufolge soll Störtebeker der Stadt zu diesem Zweck ein Erbe hinterlassen haben, aus dem die Speisen bezahlt werden.

Auch unter den Anhängern der linken Szene scheint es Verehrer der Vitalienbrüder zu geben: Im April 1985 beschädigten Unbekannte das Denkmal des Piraten-Bezwingers Simon von Utrecht an der Hamburger Kersten-Miles-Brücke. Die Statue wurde enthauptet und mit anarchistischen Parolen wie „Wir kriegen alle Pfeffersäcke“, „Nicht alle Köpfe rollen erst nach 500 Jahren“ oder „Störtebeker lebt“ beschmiert.

In der sozialistischen DDR wurde Störtebeker als Volksheld verklärt und bei den Rügenfestspielen in Ralswiek zwischen 1959 und 1981 gefeiert. Seit 1993 erfreuen sich die Störtebeker Festspiele am gleichen Ort wieder großer Beliebtheit beim Publikum. Alle drei Jahre veranstaltet auch der ostfriesische Ort Marienhafe ein Freilichtspiel über das Leben des Seeräubers. Störtebeker soll dort einst Unterschlupf gefunden haben.

Stand: 04.06.2019 13:51 Uhr  – NDR Kultur


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VeröffentlichtJuli 3, 2020 von admin in Kategorie "Kultur & Soziales

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