Großer Rückstand – Quote im Überblick: Im Vergleich zu den Turbo-Impfern fällt Deutschland weit zurück

31. Dezember 2020 Aus Von mvp-web
Der Impfstart in Deutschland verläuft schleppend, eine dringend erwartete Lieferung fällt bundesweit aus. Länder wie Israel impfen ihre Bevölkerung derweil im Turbo-Tempo durch. Ein Blick auf die Impf-Quote zeigt: Die Lage ist kompliziert.

Gesundheitssenatorin zu sein, inmitten der größten Pandemie der letzten 100 Jahre, das ist kein einfacher Job. Vor allem nicht, wenn die Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollten. Dilek Kalayci kann davon ein Lied singen.

Die SPD-Politikerin ist Gesundheitssenatorin in der Hauptstadt Berlin und gab am Mittwoch zu Protokoll: „Ich bin sauer“. Sauer auf das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU). Dieses hatte eine für den nächsten Montag zugesicherte Lieferung mit dem Corona-Impfstoff der deutschen Firma Biontech und des US-Pharmariesen Pfizer wieder zurückgezogen – offenbar wegen Lieferproblemen. Die nächste Lieferung sei dann erst für übernächste Woche angedacht gewesen.

Die Impfdosen „hätten wir gebraucht, um mit den über 80-Jährigen anfangen zu können“, fügte Kalayci hinzu. „Das können wir jetzt natürlich nicht.“ Am selben Nachmittag dann die Kehrtwende aus dem Gesundheitsministerium: Jetzt soll schon am Freitag nächster Woche eine Lieferung über 670.000 Dosen für alle Bundesländer bereitstehen, wie ein Ministeriumssprecher gegenüber FOCUS Online bestätigte.

„Es ruckelt“

Ende gut, alles gut? Der Eindruck, dass der Impfstart in Deutschland mit vielen Pannen verbunden ist, der bleibt. „Es ruckelt an der einen oder anderen Stelle“, räumte auch Spahn am Mittwoch ein. Nur verständlich, dass viele Deutsche derzeit neidvoll nach Israel blicken: Dort wurden in einer groß angelegten Impfkampagne schon mehr als 650.000 Menschen geimpft. Hierzulande sind es erst 78.000. Millionen Senioren warten derzeit noch vergeblich auf eine Impfung.

Macht es der Rest der Welt einfach besser als Deutschland? Diesen Eindruck vermitteln derzeit mehrere Grafiken. Die Lage ist jedoch komplizierter: Einerseits impft eine ganze Reihe von Ländern langsamer als die Bundesrepublik. Und andererseits ist die Datenlage derzeit einfach zu dünn.

FOCUS Online/Our World in Data

Impfquote pro 100 Einwohner, Stand: 30.12.

Die britische Oxford-Universität hat sämtliche öffentlich zur Verfügung stehenden Daten zu Impfungen weltweit zusammengefasst. Umgerechnet auf eine Quote von Impfungen pro 100 Einwohner zur besseren Vergleichbarkeit liegt Deutschland derzeit weltweit auf Platz 8 – hinter Ländern wie Bahrain, aber vor Österreich und Italien.

Die Daten zeigen: Zwar ist der Vorsprung von Israel tatsächlich sehr groß. Dort sind schon 7,5 Prozent aller Bürger geimpft, in Deutschland sind es erst 0,09 Prozent. Weltweit betrachtet ist jedoch Israel die Ausnahme und nicht Deutschland.

Spitzenreiter Israel

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis der Israelis?

Erstens ist Israel einfach kleiner als Deutschland: Kürzere Wege, weniger Krankenkassen, zentraleres System – und 74 Millionen Bürger weniger, die geimpft werden müssen. Das macht die gesamte Logistik leichter, etwa die Einrichtung von Lieferketten.

Zweitens ist die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beim Ankauf des Impfstoffes besonders entschlossen vorgegangen. Immer wieder telefonierte Netanjahu persönlich mit Pfizer-Chef Albert Bourla, um Millionen von Impfdosen für sein Land zu sichern. Bourla sei ein „persönlicher Freund“, sagte Netanjahu, als er sich selbst den Impfstoff spritzen ließ.

Nach Angaben Netanjahus hat Israel mit Pfizer die Lieferung von acht Millionen Impfdosen und mit Moderna von sechs Millionen Impfdosen vereinbart – für neun Millionen Bürger. Zum Vergleich: Deutschland hat derzeit 136 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer und Moderna sicher, bei 83 Millionen Bürgern. Nach Angaben der „Jerusalem Post“ sollen sich 3,2 Millionen Impfdosen schon im Land befinden.

Drittens lässt sich Israel seine Impfkampagne einiges kosten. Nach israelischen Medienberichten zahlt Israel für den Biontech-Pfizer-Impfstoff einen 40 Prozent höheren Preis als die USA, gegenüber Europa sei die Differenz sogar noch größer. Demnach zahlt Israel umgerechnet fast 23 Euro für eine Dosis, nach einer versehentlich von der belgischen Finanzstaatssekretärin Eva De Bleeker veröffentlichten Liste kostet eine Dosis in Europa nur 12 Euro.

Und viertens konnte Israel mit dem Impfen einfach früher beginnen als Deutschland. Die zuständige Behörde erteilte Mitte Dezember ihre Freigabe, seit 19. Dezember laufen in Israel die Impfungen. Deutschland hat erst auf die Zulassung durch die EU-Behörde EMA gewartet und konnte erst acht Tage später beginnen, am 27. Dezember. Das EU-Verfahren gilt als besonders gründlich und gewährleistet zusätzliche Rechtssicherheit für die Bürger – aber dafür dauert es eben auch länger.

Viele Staaten melden lieber keine Zahlen

Die unterschiedlichen Zeiträume machen die Datenlage auch nur schwer vergleichbar. Denn je länger ein Land schon impft, desto höher schnellt die Impfquote. Das erklärt auch den Vorsprung von Großbritannien und den Vereinigten Staaten, die ebenfalls schon Mitte Dezember loslegen konnten. Nach derzeitigem Stand scheint es nur schwer vorstellbar, dass Deutschland nach elf Tagen ebenfalls auf eine Quote von 7,44 kommt wie Israel – aber zumindest eher in die Nähe dieser Zahl.

Viele der in der Grafik dargestellten Daten sind auch veraltet. Großbritannien hat seine letzten Daten am 24. Dezember gemeldet, China meldet sogar seit dem 19. Dezember nicht mehr. Und, am allerwichtigsten: Die meisten Länder veröffentlichen derzeit gar keine Daten.

Die Gesundheitsbehörden in Frankreich haben zum Beispiel noch keine Zahlen zur Impfung ausgewiesen, Medienberichten zufolge sollen aber erst 100 Menschen geimpft sein. Wer bislang kaum geimpft hat, kann auch keine Zahlen melden – und will es womöglich gar nicht. Deutschland hingegen geht im internationalen Vergleich besonders transparent mit seinen Erfolgen und Pannen um.

Ein besonderer Fall ist übrigens Bahrain, derzeit auf Platz 2 in der Impf-Rangliste. In dem kleinen Insel-Staat im Persischen Golf kann jeder, der möchte, einen Termin an einer der 27 staatlichen Impfstellen vereinbaren, Alter egal. Das treibt die Zahlen schnell nach oben: 3,29 Prozent der Bevölkerung sind schon geimpft. Um die Nachfrage zu bedienen, hat das Königreich allerdings neben dem Biontech-Impfstoff auch den chinesischen Impfstoff Sinopharm importiert. Der ist sonst in kaum einem Land der Welt zugelassen.