Corona bald nur noch harmloses Schnupfenvirus? Virologen ordnen These ein

20. August 2020 Aus Von mvp-web

Die Infektionszahlen steigen, nicht aber die Todesfälle. Außerdem werden als Hauptsymptom derzeit Riech- und Geschmacksstörungen registriert.

Ob das schon Anzeichen einer Abschwächung des neuen Coronavirus sind? Virologen halten diesen Schluss für sehr verfrüht.

Hätten Viren ein Gehirn, müsste man sie für unglaublich schlau halten. Sie verändern sich nämlich ständig und passen sich so ihrer Umgebung an, vor allem ihrem Wirt, ohne den sie nicht lebensfähig sind. Bei jeder Mutation besteht die Möglichkeit, dass ein Virus aggressiver und tödlicher wird, oder aber schwächer und harmloser.

Weil Viren auf Überleben gepolt sind, macht es für sie keinen Sinn, sich tief in einen Wirtsorganismus einzugraben und ihn schnell zu töten, sondern sich an leicht zugänglichen Stellen niederzulassen und zu vermehren, von wo sie viele neue Wirte befallen können. So haben sich zum Beispiel Erkältungsviren ihre dauernde Existenz gesichert.

Und hier kommen wir zu Sars-CoV-2 und den neuesten Mutationsmeldungen. Auch das neue Coronavirus hat sich bereits verändert, es kommt in mehreren Varianten vor, die sich etwas voneinander unterscheiden. Und es gibt dezente Hinweise, dass sich das Virus abschwächen könnte.

„Bild“ hatte mit dem Essener Virologen Ulf Dittmer gesprochen und zitiert ihn mit den Aussagen: „Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass sich das Virus bereits abschwächt. Und es könnte auch sein, dass das Virus im Zuge der Veränderungen irgendwann nur noch eine Erkältung oder einen Schnupfen auslöst.“

Auf Nachfrage von FOCUS Online ordnet der Wissenschaftler die Fakten noch einmal ein. Seine Zitate seien extrem verkürzt worden. Und Dittmer ergänzte: „Ich habe gesagt, dass wir Veränderungen von anderen Viren, die zur Abschwächung einer Erkrankung geführt haben, schon gesehen haben. Ob das auch bei Sars-CoV-2 passiert oder passieren wird, wissen wir noch nicht.“

Drosten und Streeck halten Harmlos-Mutation für möglich – vielleicht und irgendwann einmal

Tatsächlich hatten die viel beachteten Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck schon Mitte Juni unabhängig voneinander über die Möglichkeit gesprochen, dass das neue Coronavirus durchaus einmal zu einem harmlosen Erreger werden könnte. Das Virus bliebe uns zwar dauerhaft erhalten, würde sich aber vielleicht auf die Nase beschränken. Christian Drosten sprach in seinem Podcast explizit von „Schnupfen“.

Weil es dem Virus allein auf Reproduktion ankommt, lägen abschwächende Mutationen näher als verschärfende, waren sich die Virologen damals einig. Sie gingen davon aus, dass Sars-CoV-2 über die Jahre harmloser werde.

Über die Jahre – nicht innerhalb weniger Monate – würde das geschehen. Und so sagt auch der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen: „Um eine Abschwächung zu prognostizieren, ist es viel zu früh.“ Und als mahnendes Beispiel nennt er im Gespräch mit FOCUS Online das HI-Virus: „Unbehandelt ist es praktisch seit Jahrzehnten gleich gefährlich geblieben.“

Derzeit leichtere Krankheitsverläufe wegen junger Infizierter ohne Risikofaktoren

Als Hinweis für eine Abschwächung bereits zum jetzigen Zeitpunkt sagte der Virologe Dittmer im „Bild“-Artikel: „In vielen Ländern, in denen jetzt die zweite Welle losgeht, gibt es deutlich weniger Todesfälle.“ Seine weitere Erklärung sei auch hier weggelassen worden. „Wir sehen (etwa in den USA), dass es bei steigenden Infektionszahlen weniger Tote gibt als zu Beginn. Aber, ob das mit einem veränderten Virus zu tun hat, oder mit Infektionen von jüngeren Leuten oder besserer Therapie, wissen wir nicht“, erläutert er auf Nachfrage von FOCUS Online.

Diesen Aspekt betont der Gießener Virologe Weber ebenfalls: „In Deutschland sind ja im Moment vor allem junge Menschen infiziert, und zudem sind wir von der Bekämpfung her anders aufgestellt als im März.“

Im FOCUS-Online-Talk vom 19.8. sagte auch der Münchner Infektiologe Christoph Spinner, dass er derzeit überhaupt keine Belege dafür sähe, dass das Virus sich abschwächt. „Derzeit infizieren sich überwiegend junge Menschen, die kaum Risikofaktoren haben. Daher sehen wir in der Klinik keinen Anstieg schwerer Erkrankungen.“ Daraus könne man nicht den Schluss ziehen, dass das Virus harmloser werde.

Wird das Coronavirus schwächer? Infektiologe widerspricht vehement

Auch das häufig beobachtete Phänomen der Riech- und Geschmacksstörung, verbunden mit einem meist schwachen Covid-19-Verlauf könne man nicht als Beweis für eine Abschwächung des Virus heranziehen. „Das kann auch damit zu tun haben, dass man anfangs nicht darauf geachtet hat. Man wusste noch nicht, dass das ein Leitsymptom ist“, sagt Weber.

Die unterschiedlichen Coronavirus-Typen gehören wissenschaftlich untersucht

Der im „Bild“-Artikel zitierte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin sagt dort zur wissenschaftlichen Nachweisbarkeit der Virenveränderung: „Dafür müssten jetzt mit den unterschiedlichen Sars-CoV-2-Genotypen Infektionsexperimente im Tiermodell durchgeführt werden.“

Bis dahin weiß man einfach nicht, ob die gegenwärtigen Corona-Entwicklungen schon in Richtung Abschwächung tendieren. Vom „harmlosen Schnupfen“ sind wir jedenfalls weit entfernt. Es gelten die mantrahaft wiederholten Vorsichtsmaßnahmen, um die Infektionszahlen gering zu halten. Denn in einem hat sich Sars-CoV-2 definitiv nicht abgeschwächt: Es bleibt höchst ansteckend.

Donnerstag, 20.08.2020, 14:14