Sexueller Missbrauch in Freiburger Erzbistum: «Wir waren sprachlos»

Sexueller Missbrauch in Freiburger Erzbistum: «Wir waren sprachlos»

18. April 2023 Aus Von admin
Der “Hängemattenbischof” von der Betroffeneninitiative Süddeutschland e.V. steht anlässlich der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens im Bistum Freiburg vor dem Münster. Foto: Silas Stein/dpa


Im Erzbistum Freiburg sind mehr Menschen von sexuellem Missbrauch durch Geistliche betroffen als bisher offiziell bekannt. Es werde nun von über 540 Betroffenen ausgegangen, sagte der Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Magnus Striet, am Dienstag in Freiburg. Es gebe zudem über 250 beschuldigte Kleriker. Anlass für Striets Äußerungen war die Vorlage des Berichts einer unabhängigen Arbeitsgruppe über sexuellen Missbrauch und die Vertuschung im Erzbistum.

Forschungen anhand von Personalakten nach sexuellem Missbrauch hatten schon früher Erschreckendes zutage gefördert: Von Anfang 1946 bis Ende 2015 wurden nach früheren Zahlen 190 Beschuldigte entdeckt, die meisten von ihnen Priester, sowie mindestens 442 Betroffene.

Ehemaliger Erzbischof ahndete Missbrauch nicht

Der aktuelle Bericht belastet vor allem den früheren Erzbischof Robert Zollitsch (84). So habe Zollitsch während seiner Amtszeit das kanonische Recht – also das Kirchenrecht – im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen komplett ignoriert, sagte Eugen Endress, einer der Autoren des Reports, am Dienstag in Freiburg.

Ein Angebot von

Endress nannte als Beispiel, dass ein Zölibatsverstoß eines Geistlichen bestraft wurde, während Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kirchenrechtlich nicht geahndet worden sei. «Wir waren sprachlos.»

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Zollitsch, früherer Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, hatte bereits in einem Video schwerwiegende Fehler und persönliche Schuld eingeräumt. «Er lag mit dieser Selbsteinschätzung richtig», sagte der pensionierte Richter Endress mit Blick auf die Äußerungen. Vor der Pressekonferenz kündigte Zollitsch über einen Sprecher an, sich nicht zu dem Abschlussbericht äußern zu wollen.

Der Vorgänger des amtierenden Erzbischofs Stephan Burger führte das Erzbistum Freiburg von 2003 bis 2013. Von Februar 2008 bis März 2014 war er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Von 1983 an war Zollitsch zwei Jahrzehnte lang Personalreferent im Erzbischöflichen Ordinariat gewesen. Mit rund 1,8 Millionen Katholiken gehört das Erzbistum zu den größten der 27 Diözesen in Deutschland.

Amtierender Erzbischof zeigt sich reuig

Burger räumte bei der Vorlage des Missbrauchsberichts für das Erzbistum eigene Fehler ein. «Dass ich Fehler begangen habe, steht für mich außer Frage», sagte der 60-Jährige am Dienstag in Freiburg. «Als Erzbischof bitte ich die Betroffenen um Verzeihung.» Burger war von September 2007 bis Juni 2014 Offizial – also Kirchengerichtsleiter – der Erzdiözese Freiburg.

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Burger sagte, er könne nicht für seinen Vorgänger Zollitsch sprechen. Über mögliche kirchenrechtliche Konsequenzen für den 84-Jährigen müsse nun der Heilige Stuhl im Rom entscheiden. «Die notwendigen Maßnahmen dazu sind eingeleitet», sagte Burger, ohne weitere Details zu nennen.

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Vorwurf: «Täterschutz und Ignoranz»

Nach Vorstellung des Freiburger Berichts hat der Betroffenenbeirat Konsequenzen gefordert. Es müsse untersucht werden, wie die nun offengelegte Vertuschung unter anderem durch den früheren Erzbischof Robert Zollitsch sich auf die Biografien der Opfer auswirkte und welche Schäden ihnen alleine dadurch zugefügt wurden. «Der systematische Täterschutz und die konsequente Ignoranz gegenüber dem Leid der Betroffenen hat dazu geführt, dass Betroffene über den Missbrauch hinaus noch viel weiteres Leid ertragen mussten», hieß es in einer Stellungnahme am Dienstag.

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Der Bericht habe schwarz auf weiß dokumentiert, dass missbrauchte Kinder und verletzte Kinderseelen über Jahrzehnte gleichgültig waren. «Wichtiger waren der Kirche ihr Image und damit der Schutz von Menschen, die grausamste Taten an Kindern und Jugendlichen begangen haben.» Betroffene wurden nicht gehört, Hilfe hätten sie nicht erhalten. Dokumente, Protokolle, Personalakten seien vernichtet worden und damit der Weg von Opfern, doch noch zu ihrem Recht zu kommen, erschwert worden.

Der Betroffenenbeirat appellierte, zukünftig positive Darstellungen von Zollitschs Lebenswerk zu unterlassen. Öffentliche Porträts von ihm und seinem durch den Bericht ebenfalls schwer belasteten Vorgänger Oskar Saier sollten entfernt werden. «Hätte Zollitsch das Mindestmaß des Humanen eingehalten und Missbrauchsfälle den staatlichen und kirchlichen Behörden zur Ermittlung übergeben, hätte zahllosen Kindern, Jugendlichen, Familien und Gemeinden Leid erspart werden können, das sich heute kaum noch lindern lässt.»

Wer den Bericht erstellt hat

Der Freiburger Report wurde von einer unabhängigen Arbeitsgruppe vorgestellt. Die sogenannte AG Aktenanalyse mit vier externen Fachleuten aus Justiz und Kriminalpolizei arbeitet seit 2019. Der Bericht soll aufzeigen, wie Vertuschung und Missbrauch in dem Erzbistum möglich waren. Es werden dafür 24 Missbrauchsfälle beispielhaft dargestellt.

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Ähnliche Studien gab es auch schon in anderen Bistümern, etwa in Köln und München. In Rottenburg-Stuttgart berief Bischof Gebhard Fürst im Unterschied zu anderen Diözesen schon vor gut 20 Jahren eine unabhängige «Kommission sexueller Missbrauch» ein. dpa/chi