Sie wollten Skisprung-Helden werden – Jetzt triumphieren sie im Skeleton

Sie wollten Skisprung-Helden werden – Jetzt triumphieren sie im Skeleton

12. Februar 2022 Aus Von ...Susanne Kimmpert

Die deutschen Skeleton-Piloten machen da weiter, wo die Rodler aufgehört haben. Christopher Grotheer gewinnt Gold, Axel Jungk macht mit Platz zwei den Doppelsieg perfekt. Ein historisches Ergebnis zweier Sportler, die schon abgeschrieben waren.

Christopher Grotheer wollte fliegen, hoch und weit von den Schanzen dieser Welt – und eines Tages zu einer Medaille bei den Olympischen Winterspielen. Im Schülerbereich lief es ganz gut. „Aber dann wurde ich eine ganz schöne Flugente. Da wurde mir nahegelegt, mich doch lieber anders zu orientieren“, erzählt er WELT AM SONNTAG schmunzelnd. Als dann ein Skeletontrainer auf ihn zukam und fragte, ob er nicht einen Aufnahmetest machen möchte, dachte er sich: Warum auch nicht? Damals war er 15 Jahre alt. Es war eine der besten Entscheidungen seines Lebens. Denn in Yanqing raste er so rasant in Bauchlage auf seinem Schlitten und mit dem Kopf voraus den Eiskanal hinunter, dass er an diesem Freitag, 22.45 Uhr Ortszeit, als Olympiasieger seinen Trainern und Teamkollege Axel Jungk laut jubelnd in die Arme fiel. „Wir haben es geschafft“, rief einer aus dem Jubelknäuel. Und: „Geschichte!“ Dann schnappten sich Grotheer, der Sieger, und Jungk, der Silbermedaillengewinner, geschwind die deutschen Fahnen.

Der 29 Jahre alte Grotheer feiert damit das erste Olympiagold für Deutschland im Skeleton überhaupt. Während es für die Frauen in der Vergangenheit zwar keinen Sieg, aber immerhin zweimal Silber und einmal Bronze gab, waren die Männer bisher immer leer ausgegangen. Und nun stand in Jungk sogar ein zweiter Deutscher auf dem Podest. Der 30-Jährige raste vor dem Chinesen Yan Wengang auf Platz zwei. Alexander Gassner wurde Achter. Grotheer und Jungk – zwei Konkurrenten im eigenen Team, die sehr viel mehr verbindet als Skeleton. Nach sportlichen Tiefs stehen sie nun gemeinsam auf dem Siegerpodest der Olympischen Spiele.

Zwei Sportler, die herbe Rückschläge wegsteckten

Grotheer, Olympiaachter von 2018, Weltmeister der Jahre 2020 und 2021, hatte die Konkurrenz schon am Vortag geschockt. Nach zwei Läufen ging er mit 0,70 Sekunden Vorsprung in die finalen Durchgänge am Freitag. Dass er jetzt als Topfavorit auf Gold gelten würde, hätte er vor seinem ersten WM-Titel nicht zu träumen gewagt. In jener Saison vor zwei Jahren hatte sich Grotheer nicht einmal für die deutsche Weltcup-Mannschaft qualifiziert.

„Das war eine sehr, sehr schwierige Phase“, erzählt er. „Aber ich habe mir schnell eingestehen müssen, dass es von der Leistung einfach nicht gereicht hatte. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch, habe analysiert, woran es lag, und versucht, die Saison so gut wie möglich zu bestreiten.“ Und dann wurde er aus dem Nichts heraus Weltmeister – eine Sensation und Initialzündung. „Das hat mir Stärke und Selbstbewusstsein gegeben. Höhepunkte liegen mir“, sagt er. Und bewies das nun auch in Yanqing, etwa 70 Kilometer von Peking entfernt. Im dritten Lauf baute Grotheer seinen Vorsprung auf 0,85 Sekunden Vorsprung aus, bevor er im vierten den Triumph perfekt machte.

Teamkollege Axel Jungk, Olympiasiebter 2018, aktuell Zweiter des Gesamtweltcups, WM-Zweiter der Jahre 2017 und 2020, ging als Zweiter vor dem Chinesen Yan Wengang in den finalen Tag. Dabei hatte er nach seiner Corona-Infektion im Januar lange zittern müssen, ob er überhaupt rechtzeitig negative Tests vorlegen und in den Flieger nach Peking steigen kann. Es reichte zwar, aber dann kam der nächste Schock: Sein erster PCR-Test nach der Einreise fiel positiv aus. Die zwei Nachtests aber bestätigten das Ergebnis nicht, sodass er statt ins Quarantäne-Hotel zum Training fahren durfte.

Mit Rückschlägen kennt er sich aus. Nach vielen Verletzungen unterlag er Grotheer bei der WM 2020 im Kampf um Gold nur um zwei Hundertstelsekunden. 2021 verpasste er dann nach erneuten gesundheitlichen Problemen die Weltcup-Qualifikation, kam danach in Form, wähnte sich bestens vorbereitet, wurde aber nicht für die WM nominiert. „Ich bin stärker zurückgekehrt“, sagt er. „Wir sind gerade vier sehr gute deutsche Männer, da ist es nicht einfach, sich durchzusetzen. Ich glaube aber, das ist der Grund, weshalb wir uns als Team so gut entwickelt haben.“

Als Grotheer in den ersten beiden Saisonrennen extrem stark fuhr, nahm Jungk sich das als Ansporn, aber es ärgerte ihn nicht. „Früher wäre mir das schwergefallen. Da hat es mich eher genervt, wenn ein Deutscher vor mir war, dieses Mal fand ich es einfach nur beeindruckend. Gleichzeitig war es ein Anreiz, dass ich da auch hinwill. Das tat mir gut.“ Unschwer zu erkennen im Eiskanal von Yanqing, wo er im dritten Lauf seine Position hielt und sein Polster auf Rang drei ausbaute: 23 Hundertstelsekunden Vorsprung auf den Russen Alexander Tretjakow, knapp dahinter Yan Wengang. Am Ende jubelten Grotheer und Jungk gemeinsam über ihren hart erkämpften olympischen Lohn.

In Ihrer Brust schlagen Skisprungherzen

Die beiden verstehen sich gut, auch wenn sie auf der Bahn Konkurrenten sind und dort jeder auf sich blicken muss. „Da sind wir alle Egoisten“, sagt Grotheer. „Aber die Zeit daneben macht es eindeutig schöner, wenn man sich versteht und Dinge gemeinsam macht.“

Zum Beispiel Skispringen gucken. Denn nicht nur Grotheer flog als Kind und Jugendlicher von der Schanze. Während der Olympiasieger mit 15 wechselte, tauschte Jungk als 17-Jähriger seine Sprungskier gegen den Schlitten aus. Aber wenn die Vierschanzentournee läuft oder die Skispringer bei Olympia dran sind, packt es die beiden noch immer. „Das wäre mehr als nur nett gewesen“, sagt Jungk. „Die mediale Aufmerksamkeit bei der Tournee ist gewaltig. Ich glaube, es würde uns beiden viel Freude bereiten, dort mitzumachen. Aber genauso haben wir auch viel Spaß daran, uns das anzusehen.“

Bei der Tournee wetten sie jedes Jahr auf die top drei der Gesamtwertung. Aber selbst noch einmal ins Tal segeln? Die zwei schütteln entsetzt den Kopf. Skispringen ist schließlich keine Sportart wie Langlauf oder Schwimmen, die man irgendwie immer betreiben kann, ohne sich selbst zu schaden. „Ich glaube, ich würde mich einscheißen, wenn ich auf dem Balken säße“, sagt Jungk lachend, und auch Grotheer sagt: „Ich kann es mir absolut nicht vorstellen. Skispringen ist aber ein Herzenssport für mich. Wenn ich das im Fernsehen verfolge, ist das immer noch etwas Besonderes. Und mit Axel Skispringen zu schauen bringt Spaß – ein bisschen Ahnung haben wir ja.“

Eine andere Leidenschaft, die sie teilen, passt bestens zu dem Faible für weite Sprünge von hohen Schanzen und rasanten Fahrten mit dem Kopf voraus: Motorradfahren. Jungk besitzt eine Kawasaki Z1000, Grotheer eine Ninja Z1000. „Eine Rennmaschine“, sagt er grinsend. Da aber der eine in Oberhof (Grotheer) wohnt, der andere in Dresden (Jungk), hat es bisher mit der geplanten gemeinsamen Tour nie geklappt. „Irgendwann kriegen wir es hin“, sagt Jungk und ergänzt lachend: „Aber ich denke nicht, dass es eine entspannte Tour wird.“ Die beiden Skeletonhelden von Yanqing lieben es rasant.